Gesundheitsschädliche Plätzchen oder nur Panikmache?

6 Kommentare | 11.12.2011 | Tous les Crêpes |

„Omas Plätzchen sind gesundheitsschädlich“, deswegen:

„Verbraucherzentrale empfiehlt, Plätzchen bei höchstens 190 Grad zu backen und alte Rezepte anzupassen. Denn häufig werden hier noch viel zu hohe Temperaturen vorgegeben, die das gesundheitsschädliche Acrylamid entstehen lassen.
Quelle VSZ

Das ist mal wieder unnötige Panikmache und Stützen auf Spekulationen der Verbraucherzentrale in Niedersachsen. Die Quelle scheint für mich nur ein Auszug aus einem 12.01.2011 veröffentlichen Artikel zu sein.

Heute habe ich beim morgendlichen Kaffee einen schönen Betrag auf Deutschland Radio Kultur gehört. Plausibel fand ich vor allem diesen Hinweis:

„… Acrylamid habe sich im Tierversuch als krebserzeugend erwiesen. Eine viel wichtigere Tatsache wird unterschlagen: Beim Menschen ist der Stoff gerade nicht krebserzeugend. Einfach deshalb, weil wir Menschen das Feuer zur Herstellung unserer Nahrung seit Hunderttausenden von Jahren tagtäglich nutzen – im Gegensatz zu Nagetieren in freier Wildbahn. Der Darmkrebs nahm mit steigenden Acrylamidgehalten sogar ab. Nicht weil Acrylamid vor Krebs schützt, sondern weil die dunklen – nicht die hellen – Röststoffe das Krebsrisiko mindern! Backen Sie also so, wie Sie es gewohnt sind. Omas Backrezepte sind nun mal die besten!“ Quelle: DRK

Ich habe dem DRK bereits eine Mail geschrieben, weil ich bei meiner Recherche nicht gefunden habe, dass das Darmkrebsrisiko sinkt. Meine Quelle ist „Acrylamid in Lebensmitteln Stellungnahme Nr. 043/2011 des BfR vom 29. Juni 2011„. Aus dieser geht aus der Tabelle auf Seite 17, jedoch keine Assoziation von Acrylamid und Darmkrebs hervor.

Ich empfehle jedem der sich mit dem Thema beschäftigen will, die Quelle vom BfR mal durchzulesen. Hier ein paar Informationen, welche ich interessant fand:

  • in 3..2.3.3 Methodische Aspekte wird darauf hingewiesen, dass die Messmethode Food Frequency Questionnaire etwas zweifelhaft ist:  “ Die Qualität von Fragebögen wird durch das individuelle Erinnerungsvermögen der Testpersonen sowie der Abschätzung von Portionsgrößen beeinflusst“
  • Raucher haben eine bis zu 4 mal höhere Acrylamidbelastung (siehe auch Querschnittsstudie zur ernährungs- und tabakrauchbedingten Belastung mit Acrylamid)Interessantes aus der Studie:

    …Daher ist keine zuverlässige Aussage möglich, ob die Ernährungsweise tatsächlich zu den höheren Messwerten führt oder ob es sich an dieser Stelle um Zufallsbefunde handelt. Vor diesem Hintergrund muss auch darüber nachgedacht werden, ob die Ernährung neben dem Rauchen die einzige Quelle zur Aufnahme von Acrylamid ist, oder ob andere Umweltfaktoren einen relevanten Beitrag leisten. (..) Die Beobachtungen in der vorliegenden Acrylamidstudie weisen auf die Möglichkeit eines solchen physiologisch bedingten Adduktspiegels hin.

    Ich verstehe das so, dass der Adduktspiegel auch durch pyschologische Faktoren und nicht nur durch externe Aufnahme beeinflusst wird. Der Adduktspiegel dient zur Beurteilung von Krebserregenden Stoffen in der DNA.

  • Fazit ist das zwischen  Krebserkrankungen und  Acrylamid kein Zusammenhang hergestellt werden kann.
  • Empfehlen kann das BfR:

    Bei den industriell hergestellten Lebensmitteln sollte der Acrylamidgehalt insbesondere in den hochbelasteten Produktgruppen weiter minimiert werden. Als Regel für die häusliche oder gastronomische Zubereitung gilt weiterhin „Vergolden statt Verkohlen“, da der Acrylamidgehalt mit zunehmendem Bräunungsgrad ansteigt. Die Zubereitungsempfehlungen auf den Verpackungen sollten beachtet werden.

 

Nach der Recherche kann ich sagen, dass die Verbraucherschutzzentrale doch bitte für Ihre Aussagen die Quellen angeben sollte, damit sich der mündige Bürger selbst einen Eindruck machen kann. Ach ja und hoffentlich gibt es auf dem Weihnachtsmarkt noch Lebkuchen mit Hirschhornsalz;)

Denn die Lebkuchengewürze reagieren mit dem Hirschhornsalz und bilden im Backofen Amphetamine, also Stoffe, die unsere Stimmung aufhellen. Quelle: DRK

6 Gedanken zu „Gesundheitsschädliche Plätzchen oder nur Panikmache?

  1. Omti

    yay hirschhornsalz :). war mir neu. danke für die erhellenden worte und recherche. vielleicht solltest du der verbraucherzentrale auch eine email schreiben mit deinen quellen und ergebnissen und deine forderung untermauern, dass sie gefälligst quellen angeben sollen!

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  2. KefRoyal

    Yeah! Great work! Endlich debunkt mal einer diese Acrylamidsaga.
    Finde ich ne sehr gute Idee, dem Verbraucherschutz auch ne Mail zu schreiben. Die sollten doch eigentlich auch vom Bund mit ordentlich Informationen unterstützt werden und sind doch sonst für sowas eine der erste bürgerlichen Anlaufstellen.

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  3. t001 Beitragsautor

    Der nette Herr Pollmer hatte mir auch eine Mail geschrieben. Da dieser Artikel jetzt genau ein Jahr alt ist, hier das update:

    Hallo Herr t001* (*Name wurde von mir geändert;)
    entschuldigung, daß ich Ihre Mail an den Sender zum Thema Darmkrebs und Acrylamid erst jetzt beantworte. In der BfR-Stellungnahme steht zur Studie von Larsson, daß hier keine Korrelation mit Darmkrebs gefunden wurde. Dies trifft auch für andere neuere Studien zu. Kurioserweise ergab die erste diesbezügliche Studie von Mucci noch etwas anderes. (Die habe ich als Anlage beigefügt). Da die Acrylamidforscher darauf angewiesen sind, etwas zu finden (sonst gibts kein Geld von der Politik, schließlich haben die Wissenschaftler, die laut vor der Gefahr gewarnt haben, nun eine Bringschuld.) hat man inzwischen gelernt die Daten zu massieren. Nur ein Beispiel: in einer Acrylamidstudie wurde das Zigarettenrauchen als Krebsschutz in die Statistik eingeführt, damit die Krebsrate durch Acrylamid dann etwas steigen konnte. Deshalb sind die ersten Arbeiten noch am aussagekräftigsten, weil man die Daten noch nehmen mußte wie sie kamen. Die neueren Studien sind methodisch den älteren nicht unbedingt überlegen. Die Arbeiten zum Kerbsschutz durch Röststoffe wurden meines Wissens auch nicht mehr weitergeführt. Warum wohl?

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  4. hal

    super, das diese acrylamidnummer hier noch mal auf den tisch kommt. sauber recherchiert und unfassbar interessant. in diesem zusammenhang auch nochmal der hinweis auf den artikel „40-ft container oder doch nur 20-ft container“, ebenso vor einem jahr erschienen und ebenso sauber recherchiert, dabei noch etwas mehr die brisanz nur scheinbar banaler verwerfungen des alltags aufzeigend, kurz: ein meisterwerk der recherche. viele grüße an meinen hochgeschätzten kollegen t001!

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