Zitat des Tages, 26.5.2010

9 Kommentare | 26.05.2010 | Jokey Joke |

„Nichts is scheißer als Platz Zwei!“

Dieser klassische Ausspruch Erik Meijers (Fussballer) erschien mir aktuell als ich bemerkte, das momentan wieder irgendeine Fussballscheiße im Gange sein muss, da sich einmal mehr Junkfraß in den Supermarktregalen häuft, dessen Produktverpackungen mit den Gesichtsschabracken von durchschnittsnormalisierten Volks-Fotomodellen verschandelt wurden – die mit gekünstelt eingefrohreren Visagen ihr abgrundtief kulturelles Verwurzeltsein im sogenannten Fussball zur Schau stellen. Ein groteskes Weltmeisterschaftsschauspiel das auf naturwüchsig unvermeidliche Weise alle vier Jahre eintritt, wie eine fünfte Jahreszeit und angeblich im Ruf steht Menschen und Völker zu vereinen, indem es sie in einem Stellvertreterkrieg auf dem Rasenfelde gegeneinander anrennen lässt.

„Das spannende am Fussball ist, dass man nicht weiß wie’s ausgeht.“

Womit Thomas Wizoreck („Die verblödete Republik“. Knaur, München März 2009) bestmöglich auf den Punkt gebracht hätte, dass es sich bei der verzückten Weltbegeisterung um des Fußballs runde Gestalt keinesfalls um eine qualitative Kollektiv-Entscheidung handelt, sondern vielmehr um ein passiv quantitatives Rudel- oder Massenphänomen. Zum anspruchslos wohligen Zeitvertreib könnte ebenso gut ein umher kullernder Hand-, Volley-, Wasser-, oder Federball die weltweiten Rescourcen an Konzentrations- oder Aufmerksamkeitsvermögen absorbieren, während nebenbei getrost der soziale Frieden, die Weltwirtschaft oder das globale Klima abrauchen mag.

Wo es richtig anmutet, dass die Welt endlich mal ein Auge gebannt auf Südafrika wirft, wirkt es umso fataler, dass sich dieses auf munter hüpfende Bällchen richtet und die eklatanten Probleme der Menschen dieses Landes wie gehabt ins periphere Sichtfeld abdriften. Ein gesellschaftlicher oder kultureller Durchbruch ist dabei ebenso garantiert, wie durch die Olympischen Spiele in China, nämlich keiner. Zwar gestaltet sich die sportliche Arena als angenehm unideologischer Ort in dem Menschen und Völker sich begegnen, allerdings fällt ihnen dort ja doch nichts besseres ein, als das aus wirtschaftlichem oder politischem Alltag gewohnte, unaufhörliche Konkurrenzprinzip der Gesellschaft um so wertfreier zu rekultivieren und es dadurch plötzlich voll interessant zu finden, ihm positive Energien und einen gemeinschaftsförderlichen Geist anheim zuorakeln.

Ich erfinde zur positiven Abrundung meiner Wahrnehmung mal spontan eine neue Sportart: „Den Erdball“, kein Ball ist runder! Mit Faszination und sportlichem Eifer verfolgen 7 Milliarden Fans zum Beispiel, was mit einem afrikanischen Städtchen passieren kann, wenn man statt unsinnig teure Fussballstadien zu errichten, ein bedingungsloses Grundeinkommen an die verarmte Bevölkerung ausgibt.

„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“

um mit Sepp Herberger (Fussballtrainer) zu sprechen, gilt hier nicht länger. Beim Erdball herrscht steter Wandel. Kein starr stagniriendes Reglement unter Déjà-vu Verdacht! Veränderung und Fortschritt, wenn alle mitzocken.
In der nächsten Spielrunde wird mit Begeisterung womöglich das offizielle BP Team geschlagen und kurzerhand zur Finanzierung aller okölogischen Folgen seiner Ölpest liquidiert. Eine schöne Vorstellung sicherlich, die wohl genauso gute Chancen wie besagte Ölpest hat, von der anrollenden Weltmeisterschaft aus der medialen Wahrnehmung verdrängt zu werden…

9 Gedanken zu „Zitat des Tages, 26.5.2010

  1. jooki

    ey, hab ich selber mir ausgedacht. zitate sind als solche gekennzeichnet. hattich doch eigentlich nur nen ironischen kommentar machen wollen, und dann bis 3:00 ordentlich gekrickel zurecht eschoffiert.

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  2. hal

    schön, schön. krich gleich ein schlechtes gewissen, dass ich mich dem „stellvertreterkrieg“ nicht ganz entziehen kann. ich schließ mich an: mehr davon!

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  3. crockl

    ja, da schließ ich mich an. hat der joink gut geschrieben…allerdings regen sich bei mir reflexe die allgemeine schlechte laune ein bisschen zu verderben. blutige überspitzung will provozieren, doch hier erreichst du leider nur applaudenten.
    ich find die wm nicht scheisse – es gibt nur zu viel scheisse, die damit einhergeht. oft überwiegt sie, doch nur weil´s ein massenphänomen des institutionalisierten sport-spektakels ist, wird es nicht zum üblen ablenkungsmanöver.
    ich werde auch über vieles abkotzen, doch
    ne menge menschen sind cool damit und freuen sich auf die wm, um eine dickes fest zu feiern. ich gönn´s ihnen trotz der vielen kacke … besonders den afrikanern.

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  4. jooki

    Da kamen Dinge missverständlich zu einander. Das anfängliche Bedürfnis lustvoll abzulästern über etwas, dass mir wegen seiner hohlen Omnipräsenz wirklich zur Nötigung wird und mir dadurch erschwert in meinem Desinteresse cool damit zu bleiben, schlug im Schreibfluß um in den Versuch einer ernsthaften Kulturkritik zu meiner bedauernden Feststellung, dass „die Gesellschaft“ leider nur auf der Basis inhaltlicher Minimalkonsenz-Veranstaltungen ihr Gemeinschaftsgefühl definiert, bei denen man eben angenehmer Weise nur Ja sagen brauch und nix denken, mit Fussball als blumig überspitztem Anschauungsbeispiel. Und auch nur in der Form, wie er als passiv konsumiertes Massenspektakel zu einem Industriezweig gewuchert ist und einzig ein paar überbezahlte Fussballmillionäre in Ausübung ihres Gladiatorenjobs ihre Muskeln vor der Kamera anspannen. Mit Sport hat das für die weltweite TV-Couch Patoto Gemeinde oder jene vor Großbildleinwänden bierseelig johlenden Massen schlicht nichts zu tun. Idiotisch wird es, wenn sie ihre putzigen Flaggen rausholen und im Gefühlstaumel ein neues Nationalgefühl auszumachen meinen. Das verpufft dann irgendwo im Halbfinale und alle so „Naja“ und gehen wieder zur Arbeit, brav das nächste Spektakel abwartend, was eine Wertegemeinschaft ausmachen könnte und auf welchen gemeinschaftlichen Idealen sie substanziell Bestand hätte, bleibt halt nicht nur unbeantwortet sondern als Frage ungestellt.

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